Andrea Fian - Durchschichtung

 

„Einmal bin ich dann in den Farben zu Hause gewesen(…)“

 

Andrea Fians Arbeiten, geschichtete Malungen, bezeichnetes Material, evozieren Urzustände des Seins. Nicht so sehr die Frage, woher wir kommen, sondern in mannigfaltiger Erarbeitung die Frage, wie wir zu uns geworden sind beschäftigt die Künstlerin. Was uns Menschen, als gleichzeitig integriertes Lebewesen unter vielen und in gleichem Maße in der Natur Fremdartiges ausmachen könnte. Eine Werdung, die sie forschend und langsam aufbauend, vom kleinsten Inneren menschlicher und fremd anmutender animalischer Körper nachvollzieht.

 

Einmal bin ich dann in den Farben zu Hause gewesen. Büsche, Bäume, Wolken des Himmels, selbst der Asphalt der Straße zeigten einen Schimmer, der weder vom Licht jenes Tages noch von der Jahreszeit kam. Naturwelt und Menschenwerk, eins durch das andere, bereiteten mir einen Beseligungsmoment, den ich aus den Halbschlafbildern kenne(…)

 

So beginnt Peter Handkes literarische Reise zum Montagne Sainte-Victoire, Paul Cézannes Quelle der Inspiration. So beschriebe sich auch Andrea Fians Schaffen. Behutsam geht sie mit den verwendeten Farben um, beinahe beseligt mit bekannten und fremdartigen Formen. Eröffnet uns vertraute Bilder, die sich zwischen wachem Zustand und Erträumten bewegen und findet beständig einen persönlichen Zugang im Wechselspiel zwischen dem Mensch und der ihn umgebenden und beinhaltenden Natur.

 

Gesellschaftlich fremd wirkt das Individuum im täglichen Versuch gefundenes Material zeichnerisch einzunehmen – der Bilderflut unserer Gegenwart etwas entgegenzusetzen - Gleichsam integriert sich die Künstlerin dadurch in ihrer sich umgebenden Umwelt. Die Serie One drawing a day keeps the doctor away als gleichzeitige Prophylaxe und Medikamentation. Ein überarbeitetes Blatt täglich – im DIN A5 Format, nicht zufällig das häufig verwendete Format diverser Kunst- und Kulturveranstaltungen. Die Künstlerin referiert auf den, ihr wohl bekannten Kunstbetrieb, den sie mit wachsamer Diskretion betritt. Um so schöner dadurch in einer Einzelausstellung einen breiten Überblick über ihr Gesamtschaffen zu erhalten.

 

Auf Reisen gefundenes und übermaltes Bildmaterial und eine umfangreiche Serie übermalter Postkarten zeugen von Andrea Fians innerem Drang sich bildnerisch auf einer Metaebene auszudrücken. In ihren Übermalungen verschwinden die ursprünglichen Bild- und Textelemente teilweise vollständig, bleiben als recycelter, inhaltlich neu aufgeladener Bildhintergrund, bilden eine subtile weitere Bedeutungsebene ihrer Arbeit.

 

Die meist seriell erarbeiteten, großformatigen Gemälde setzen den Menschen in Zusammenhang mit einem größeren Kosmos – einen Kosmos, ihn aus- und einschließend. Der Mensch – gleichzeitig einen Körper habend, gleichzeitig ein Körper seiend, steht als Beobachter sich selbst, dem beobachteten Objekt gegenüber. Die zarten Schichtungen der Arbeiten auf Molino und Transparentpapier erlauben einerseits einen fremden, uns doch vertrauten Einblick in Inneres, deuten andererseits die undurchsichtige Komplexität an – geben mehr Rätsel auf, als sie zu lösen scheinen.

 

DURCHSCHICHTUNG – der Titel als Programm. Einerseits Durchschicht, als Auswahl aus dem Œuvre der 1999 diplomierten Malerin für die erste Einzelausstellung in der Galerie artepari in Graz.

Durchschicht aber auch als „durchscheinen“ zu verstehen. Fians Gemälde und Transparentarbeiten, die durchscheinen, erahnen lassen, was sich dahinter, darunter zu verbergen mag. Die in Schichten aufgebauten Arbeiten erzeugen Tiefe, sowohl räumlich, als auch inhaltlich. Durch ihre Arbeiten hindurch sehend wird man mehr über eigene und fremde Gefühlswelten in Erfahrung bringen, als den Kunstwerken „auf den Grund gehen“.

 

Das häufig vorkommende Sujet des Kokons – ein Übergangsstadium in der Entwicklung vieler Insekten – steht symptomatisch für die Fremdheit und gleichzeitige Abhängigkeit der Lebewesen zu ihrer Umwelt. Geborgen und abgeschottet in der schützenden Hülle, zugleich wartend jeden Moment hinausgeworfen zu werden in eine andere Lebensrealität. Diese Arbeiten scheinen uns vielleicht deshalb so vertraut, da sie ein zeitweiliges Bedürfnis des Rückzugs aus der Gesellschaft in uns herauf beschwören. Der Kokon jedoch auch als Stille und Besinnung, um sich dann entfalten zu können. Mit neuer Energie in einen neuen Lebensabschnitt einzugehen. Der Kokon bei seiner gemalten Entstehung jedoch auch eine geschlossene, kreisförmige Bewegung. Eine meditative Pinselführung imaginiert sich in den Köpfen der BetrachterInnen.

 

Andrea Fian baut beständig an einem eigenen (Bild)Kosmos, gewährt uns scheinbar vertraute, zugleich fremde Einsichten, lädt die BetrachterInnen zur „Durchsicht“ ein.

 

Man richtet sich davor auf und betrachtet ihn, bis nur noch die Farben da sind: die Formen folgen. Es sind auf den Betrachter zeigende Läufe, die aber im einzelnen jeweils woanders hinzielen. Ausatmen. Bei einem bestimmten Blick, äußerste Versunkenheit und äußerste Aufmerksamkeit, dunkeln die Zwischenräume(…)

 

Abschließend wiederum mit Peter Handke und dem Ende seiner Lehre der Sainte-Victoire . Einatmen, Ausatmen und sich sinken lassen in Andrea Fians Bildwelten. Die Aufmerksamkeit auch einmal schweifen lassen und sich in die - hier nicht dunklen, sondern hell erleuchteten - Zwischenräume begeben. Zwischenräume, die neue Räume eröffnen, den Blick zurück und nach vor zulassen, insbesondere einen Blick auf sich selbst erlauben.

Markus Waitschacher, Dezember 2013

 

Aus: Peter Handke: Die Lehre der Sainte-Victoire. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 1980 S. 9

Aus: Handke (1980) S. 9

Aus: (Handke) S. 138